ÖPNV muss auch bei Winterwetter fahren
Die zahlreichen Einschränkungen bei Bus und Bahn infolge des Winterwetters in den vergangenen Wochen stoßen beim Fahrgastverband PRO BAHN auf massive Kritik. Mit Blick auf den restlichen Winter und die kommenden Jahre fordern die Fahrgastvertreter eine wesentlich bessere Vorbereitung auf derartige Wetterlagen, aber auch eine grundlegende andere Mentalität der Verantwortlichen in den Verkehrsunternehmen. „Es muss wieder selbstverständlich sein, dass gefahren wird, solange es irgendwie geht. Und wenn einzelne Straßen oder Bahnstrecken nicht passierbar sein sollten, darf das keinesfalls dazu führen, dass der Gesamtverkehr für den ganzen Tag eingestellt wird“, sagt dazu Malte Diehl, Regionalvorsitzender von PRO BAHN.
Besonders erzürnt die Fahrgastvertreter die in den letzten Jahren eingerissen Praxis, den Verkehr bereits „vorsorglich“ einzustellen. So stellte DB Fernverkehr etwa rund um den Schneesturm Elli den gesamten Fernverkehr in Norddeutschland ein, obwohl viele Strecken gar nicht unterbrochen waren. Auch der IC 56 von Ostfriesland über Oldenburg und Bremen nach Hannover und Leipzig fuhr – wieder einmal – nicht. Dabei wäre zumindest westlich von Bremen die gesamte Strecke frei gewesen. Hier hätte mindestens ein Verkehr auf Teilabschnitten angeboten werden müssen. Auch dauerte das Wiederanlaufen des Betriebs durch die geplanten Ausfälle deutlich länger als nötig.
Überhaupt darf es nicht sein, dass wichtige Hauptstrecken wegen Schneefalls länger unterbrochen bleiben. „Wir hatten in den letzten Wochen keine Schneekatastrophe wie 1978/79, sondern normales Winterwetter mit einem Sturmtief. Es ist weder für die Fahrgäste noch für die Wirtschaft akzeptabel, wenn DB InfraGo es nicht einmal schafft, die wichtigsten Hauptstrecken währenddessen freizuhalten“, stellt Regionalvorsitzender Diehl fest und erläutert: „Der Hauptgrund, warum es zu derartigen Problemen kommt, ist der durch politische Weichenstellungen verschuldete Mangel an Räumfahrzeugen. Die Deutsche Bahn verfügt heute über weniger Räumfahrzeuge als die Deutsche Reichsbahn in der ehemaligen DDR kurz vor der Wende. Das ist skandalös.“ Die Räumung der Autobahnen funktionierte übrigens – wenig verwunderlich – deutlich besser.
Was den Busverkehr angeht, ist in der Region besonders Oldenburg negativ aufgefallen. An zwei Tagen stellte die VWG den Verkehr komplett ein, während andere Busunternehmen noch fuhren. Dabei war Oldenburg von dem Wintereinbruch nicht einmal besonders hart betroffen. „Ein paar Zentimeter Neuschnee dürfen nicht dazu führen, dass der ÖPNV eingestellt wird“, fordert Diehl. „Ein solcher ÖPNV ist unbrauchbar und lässt diejenigen im Schneegestöber stehen, die auf ihn angewiesen sind. Besonders die Aussage, dass man den Tunnel unter dem Oldenburger Hbf nicht mehr hochgekommen sei, ist peinlich. Entweder waren die Busse nicht wintertauglich ausgerüstet oder die Straßen wurden nicht oft genug geräumt.“ Sinnvoll gewesen wäre, in dieser Situation zu improvisieren und statt durch den Tunnel über Karlstraße und Pferdemarkt zum Lappan zu fahren.
PRO BAHN erwartet nach dem Desaster, dass die Ausrüstung der Busse verbessert und die Fahrbahnräumung in Oldenburg verbessert wird – zur Not muss auf vom ÖPNV stark genutzten Straßen stündlich geräumt werden. Außerdem muss es für echte Notfälle einen Notfahrplan geben, der bei Bedarf kurzfristig in Kraft gesetzt werden kann. Ein solcher Plan könnte etwa bedeuten, dass wegen der verlängerten Fahrzeiten nur jeder zweite Bus fährt oder dass die Nachtlinien befahren werden. Jeder Fahrgast hat Verständnis dafür, dass es bei schlechten Straßenverhältnissen länger dauert, nicht aber für einen Totalausfall, während Autos noch fahren.
„Es gibt auch bei heftigem Winterwetter zahlreiche Menschen, die zwingend zur Arbeit oder zu Terminen müssen, z.B. im Gesundheitswesen, wo Arbeit von zu Hause kaum möglich ist“, erläutert Diehl. „Wenn der ÖPNV in derartigen Situationen versagt, stellt er für sie keine brauchbare Alternative zum eigenen Auto dar. Noch schlimmer: Diese Menschen werden durch den Ausfall des ÖPNVs sogar erhöhter Gefahr ausgesetzt, weil sie sich schlimmstenfalls zu Fuß oder mit dem Fahrrad unter widrigen Bedingungen auf den Weg machen müssen.“
PRO BAHN hofft darauf, dass bei den Verantwortlichen kurzfristig ein Umdenken stattfindet, denn dieser Winter dauert noch etliche Wochen und wird noch einige heftige Schneefälle mit sich bringen.
